Demotische Wortliste online

Friedhelm Hoffmann: Demotische Determinative

(auf dem Internationalen Demotistenkongreß 1996 in Kairo gehaltener Vortrag)

Eine systematische Erforschung der demotischen Determinative wurde schon von Brugsch begonnen und besonders von Krall und Spiegelberg fortgeführt, die einigen ihrer Textpublikationen Listen zu Determinativen beigaben. Stricker hat in seiner Aufsatzreihe zum Schriftsystem des Magischen Papyrus London & Leiden auch die Determinative berücksichtigt. Das Thema scheint aber bis heute nicht weiter intensiv verfolgt worden zu sein. Vor allem fehlen Studien, die mehr als nur je einen Einzeltext im Auge haben, und umfassende Untersuchungen zu Determinativkombinationen. In dem hier vorgelegten Beitrag möchte ich lediglich einige Überlegungen und vorläufige Ergebnisse mitteilen, sowie Fragen aufwerfen, die sich bei der Vorbereitung eines neuen Arbeitsinstrumentes ergeben haben.

Den Ausgangspunkt bildete für mich der Wunsch nach einem rückläufigen Glossar. Daß eine rückläufig geordnete Liste des demotischen Wortbestandes bei der Bearbeitung beschädigter Texte von Nutzen wäre, ist offensichtlich. Sie würde aber in ihrer Brauchbarkeit wesentlich dadurch verbessert, wenn auch die Determinierungen mit erfaßt wären. Denn von dem Lautkörper eines beschädigten Wortes mag unter Umständen zu wenig erhalten sein, um die Suche nach einem Wort sinnvoll eingrenzen zu können. Charakteristische Determinative oder Determinativkombinationen, die noch erhalten sind, könnten hier weiterhelfen. Außerdem kann man Wörter, die nicht alphabetisch geschrieben sind - und das sind gar nicht so wenige -, egal ob in einem vorwärts oder rückwärts sortierten Wörterverzeichnis dann nicht mehr suchen, wenn sie so stark zerstört sind, daß die entscheidende Ligatur nicht mehr zu erkennen ist. Auch in diesem Falle wäre eine Suche über die Determinierungen die einzige Möglichkeit, systematisch weiterzukommen.

Aus diesen beiden Gründen habe ich den Wortbestand des Glossars unter Einschluß der Determinierungen computerisiert. Zu jedem Wort sind auch alle Determinierungen, soweit sie im Glossar aufgeführt sind, in einer Ersatzcodierung vermerkt. Jedes Determinativ habe ich als Kombination von einem Groß- und einem Kleinbuchstaben eingegeben. Ist ein Wort mit mehreren Determinativen versehen, ergibt sich eine entsprechende Kette von Determinativcodierungen. Fehlt jegliches Determinativ, ist auch dies festgehalten. Determinierungsvarianten sind voneinander abgetrennt. Abgesehen von der Handschrift identische Schreibungen sind nur einmal erfaßt.

Eine Unterteilung nach verschiedenen Epochen innerhalb des Demotischen wäre sicherlich wünschenswert. Man könnte Studien treiben, wie sich Schreibungen in Hinblick auf die Determinative entwickeln. Ich habe bei der Dateneingabe aber vorerst auf die Codierung der Epoche, aus der eine Schreibung stammt, verzichtet, da Erichsen in der Regel keine Belegstellen angibt, so daß die zeitliche Einordnung eines Beleges nicht überprüfbar ist. Die Schreibungen aus Pap. Spiegelberg und Pap. Insinger beispielsweise sind als römisch eingereiht. Tatsächlich sind beide Papyri aber spätptolemäisch. Wie soll man aber alle Belege, die aus diesen beiden Texten stammen absolut sicher identifizieren? Bei anderen Texten kann das Problem noch größer sein.

Insgesamt kommen im Material des Glossars 136 verschiedene Determinative vor. Erstellt man eine nach Häufigkeit geordnete Determinativliste, so lassen sich bereits einige Beobachtungen zur unterschiedlichen Frequenz der Determinative machen. Wohlgemerkt, es sind nur unterschiedliche Schreibungen gezählt. Außerdem kann natürlich häufigeres oder selteneres Vorkommen von einzelnen Wörtern hierbei nicht berücksichtigt werden.

Allein 26 der insgesamt 136 Determinative kommen nur in einem einzigen Wort vor. Weitere 42 Determinative weniger als zehnmal. Findet man in ansonsten zerstörtem Kontext diese Determinative, so wird man recht zuverlässig zu Ergänzungen kommen können.

Insgesamt etwa ebenso viele Determinative, nämlich 45, kommen in 10-99 verschiedenen Schreibungen vor. Weitere nur 18 Determinative begegnen in 100-400 verschiedenen Wortschreibungen.

Schließlich setzt sich mit deutlichem Abstand eine Spitzengruppe von nur 5 Determinativen ab, die die häufigsten sind. Hierzu gehören: das Gottesdeterminativ (541 Mal), der Strich (632 Mal), der Mann mit Hand am Mund (667 Mal), der sterbende Krieger (798 Mal); Schreibungen ohne jedes Determinativ habe ich 694 Mal in meinem Material.

Es ist natürlich entmutigend, daß nur so wenige Determinative selten und charakteristisch genug sind, um an ihnen noch ein Wort identifizieren zu können. Aber bekanntlich können demotische Wörter mehr als ein Determinativ bei sich haben. Zwei und drei Determinative sind gar nicht selten. Auch für vier Determinative findet man in den Schreibungen, die das Glossar mitteilt, immerhin noch 47 Fälle. Sogar fünf Determinative kommen vor, und zwar bei: wnw.t "Stunde" (in drei verschiedenen Schreibungen), ws.t "Theben", by-wkm [ein Toponym], p.t "Himmel", H.t-sSm [ein Toponym], grH "Nacht". Bei by-wkm und H.t-sSm liegt die Häufung von Determinativen natürlich daran, daß zur Determinierung des zweiten Namenbestandteils noch geographische Determinative für den gesamten Namen hinzutreten. Mehr als fünf Determinative kommen im Material des Glossars nicht vor.

Doch zurück zu der Frage, ob vielleicht die Kombination von Determinativen ein zuverlässigeres Mittel zur Identifizierung eines Wortes sein kann. Zunächst betrachte ich dazu die Folge von immer zwei Determinativen. Eine Sequenz von drei Determinativen ABC ist hier zweimal berücksichtigt, nämlich als AB und als BC. Bei vier und fünf Determinativen verfahre ich entsprechend. Man kann auf diese Weise insgesamt 608 verschiedene Zweierkombinationen finden. Davon kommen 330, also immerhin deutlich mehr als die Hälfte, nur einmal vor, 114 nur zweimal und 46 nur dreimal. Anders ausgedrückt: in gut 80 % der Fälle lassen sich Zweierkombinationen von Determinativen ein bis drei Wörtern zuordnen, in mehr als 50 % der Fälle sogar genau einem Wort. Allerdings gibt es daneben ausgesprochen oft vorkommende Determinativpaare. Die drei häufigsten sind: schlechter Vogel + sterbender Krieger (108 Mal), Strich + Ortsdeterminativ (die in der Schrift oft in einer Ligatur verbunden sind) (157 Mal), Buchrolle + Mann mit Hand am Mund (177 Mal). All dies sind Kombinationen von Zeichen, die schon an sich sehr häufig sind.

Doch lassen schon die Zweierkombinationen in vielen Fällen die Möglichkeit, nur anhand einer noch erhaltenen Determinierung ein ansonsten zerstörtes Wort zu ergänzen, als gangbaren Weg erscheinen, so steht zu erwarten, daß längere Determinativfolgen noch zuverlässiger sind.

Haben wir drei Determinative hintereinander, so ergibt sich das folgende bemerkenswerte Bild: Insgesamt gibt es 261 verschiedene Dreierkombinationen. Davon sind 205 einmalig, 36 kommen nur zweimal vor, 11 dreimal. Also in bald 97 % aller verschiedenen Fälle ist das Feld in Frage kommender Wörter auf eins bis drei eingegrenzt. Nur wenige Dreierkombinationen sind häufiger und stammen bezeichnenderweise aus Ortsnamen. Am häufigsten - in 20 verschiedenen Schreibungen - begegnet die Kombination Buchrolle + Mann mit Hand am Mund + Lotusdeterminativ. Diese drei Determinative sind auch insgesamt sehr häufig.

Viererkombinationen von Determinativen, von denen es 48 verschiedene gibt, sind fast alle eindeutig (40), sieben kommen noch zweimal vor und nur eine dreimal.

Um es kurz zu machen: Ein einzelnes Determinativ läßt, von wenigen Fällen abgesehen, nicht eindeutig auf ein bestimmtes Wort schließen. Aber schon die Kombination von zwei Determinativen kann in vielen Fällen eine gute Hilfe sein. Die Folge von drei oder mehr Determinativen schließlich ist aber fast immer eindeutig.

Damit dürfte deutlich geworden sein, wie wichtig die Beachtung der Determinierungen bei der Entzifferungsarbeit an beschädigten Texten und für die zuverlässige Ergänzung von Wörtern ist. Und selbst wenn eine Determinierung nicht eindeutig zu einem Wort führt, wäre es immer noch nützlich, auf einen Blick sehen zu können, welche Wörter überhaupt in Frage kämen. Wenn der Kontext keine weitere Eingrenzung ermöglichen kann, hätte immerhin das Feld der möglichen Kandidaten schon ein gewisses Profil erhalten. Eventuell helfen auch vom Lautkörper des fraglichen Wortes erhaltene Reste bei einer weiteren Eingrenzung.

Aber noch ein ganz anderes wichtiges Anwendungsgebiet möchte ich kurz berühren, die Frage nach einer "Grammatik der Determinative", wie man es nennen könnte. Wie wird überhaupt Bedeutung in den Determinativen codiert? Ist die Gesamtheit aller Determinative ähnlich wie Wortfelder strukturiert? Richtet sich die Reihenfolge der Determinative nach bestimmten Regeln? Was könnte hier eine Rolle spielen: die Bedeutung der Determinative selbst, die graphische Form der Zeichen, die schriftgeschichtliche Entwicklung? Gibt es verschiedene Schreiberschulen, die sich lokal oder zeitlich abgrenzen lassen?

Den Einfluß wenigstens einiger der angesprochenen Faktoren wird man annehmen müssen. Mit festen Schreibkonventionen scheinen wir es in Fällen wie Wasser- + Kanaldeterminativ, schlechter Vogel + sterbender Krieger und Buchrolle + Mann mit Hand am Mund zu tun zu haben, die alle extrem häufig sind. Denn die jeweils umgekehrte Reihenfolge (Kanal + Wasser; Krieger + schlechter Vogel, Mann mit Hand am Mund + Buchrolle) gibt es praktisch nicht. Bei der Folge schlechter Vogel + sterbender Krieger kommt wohl noch die Form der Zeichen hinzu, die gerade diese Reihenfolge begünstigt. Bei Wasser + Kanal und Buchrolle + Mann mit Hand am Mund kann ich aber keinen graphischen Grund sehen, die Zeichen ausgerechnet so anzuordnen.

Eher vom Inhalt der Determinative beeinflußt scheint mir dagegen die Bevorzugung der Stellung des Gottesdeterminativs nach Schlangen-, Tierfell- oder Vogeldeterminativ. Die umgekehrte Reihenfolge kommt seltener bis gar nicht vor. Das speziellere Determinativ (hier Schlange, Tier, Vogel) scheint eher vor das allgemeinere (hier das Gottesdeterminativ) zu kommen - zumindest in diesen Fällen! Denn im Gegensatz hierzu sehe ich kein logisches System darin, daß das Holzdeterminativ häufiger vor einem anderen Determinativ steht als dahinter, das Silber-Determinativ aber umgekehrt eher nachsteht und das Metalldeterminativ fast nur auf ein anderes Determinativ folgt.

Es schiene mir jedoch voreilig, alles bloßer Konvention zuzuschreiben - abgesehen davon, daß es für deren Zustandekommen eigentlich auch Gründe geben müßte. Vielleicht verstehen wir einfach noch viel zu wenig, wie die Ägypter die Welt eingeteilt und geordnet haben. Hier könnte die Erforschung der Determinative und ihrer Logik einen Beitrag leisten.

Zu all dem brauchen wir eine nachschlagbare Liste der Determinierungen. Das von mir verarbeitete Material, das das Glossar mitteilt, stellt natürlich nur einen Teil des demotischen Wortschatzes und nur einen Teil aller möglichen Schreibungen dar. Trotzdem denke ich, daß es einen guten und repräsentativen Grundstock bildet, mit dem man die Praktikabilität einer Determinierungsliste testen kann, wie ich sie hier vorlege.

Bei der Frage, wie man eine nach Determinierungen geordnete demotische Wortliste am zweckmäßigsten anlegt, habe ich mich von folgenden Überlegungen leiten lassen:

Die Liste muß nach den Formen der Determinative sortiert sein - so ähnlich, wie Erichsen es in der Schrifttafel seiner Lesestücke getan hat. Denn äußerlich gleich aussehende Zeichen müssen beieinander angeordnet sein, sonst vermag ein Benutzer ein zerstörtes Wort nicht zu finden, wenn er ja noch nicht wissen kann, ob das erhaltene Determinativ z.B. ein Orts- oder ein Sonnendeterminativ ist.

Für die Form, in der die Determinative in der Liste erscheinen, sind grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten denkbar: als Zeichen in demotischer Normalschrift, als ausgeschriebenes Wort wie "Vogel", "Gott" usw. oder nur als Buchstabencode wie "Vo", "Go" etc. oder irgendwie kombiniert Jedes Verfahren hätte Vor- und Nachteile: Gibt man die Determinative nur in Normalschrift, bietet sich zwar ein gewohntes Schriftbild, aber dann ist es schwerlich sinnvoll, homographe Zeichen getrennt einzusortieren. Damit würde jedoch schon Information verloren gehen. Setzt man aber andererseits für jedes Determinativ eine ausführliche Beschreibung wie "Mann mit Hand am Mund" ein, ließen sich zwar gleich aussehende Zeichen mühelos voneinander unterscheiden, doch erstens wäre der Platzbedarf gewaltig, zweitens würde die Übersichtlichkeit wegen der ungleich langen Bezeichnungen leiden. Jedes Determinativ muß also durch eine nach einheitlichem Schema aufgebaute Codierung ersetzt werden. Dies wäre nicht nur platzsparend, sondern auch in der Herstellung der einfachste Weg. Allerdings dürfte eine solche Wiedergabe zumindest am Anfang sehr gewöhnungsbedürftig sein. Mir scheint daher ein kombiniertes Verfahren, bei dem das demotische Zeichen und eine codierte Bezeichnung mitgeteilt werden, am ehesten geeignet zu sein, einen Mittelweg zwischen Anschaulichkeit, Eindeutigkeit und Ökonomie zu finden.

Vermutlich ist es am besten, die demotischen Wörter in Umschrift und Übersetzung mitzuteilen. Ein Verweis auf die Seite bei Erichsen dürfte aber entbehrlich sein.

Ich halte es nicht für sinnvoll, bei sehr häufigen Determinierungen alle betroffenen Wörter aufzulisten. Es erscheint mir unrealistisch zu sein, daß jemand mehr als - sagen wir - 40 oder 50 verschiedene Wörter durchschaut, um das für seine Stelle passende anhand der erhaltenen Determinative zu finden.